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Was ist ein SIP-Trunk?

Fangen wir mit der Begriffsklärung an.

Als Trunk wird in der Tk-Anlagentechnik die Anbindung der Tk-Anlage an ein AMT, also die Vermittlungsstelle, bezeichnet. Im Laufe der Zeit gab es analoge Trunks, ISDN-Trunks und nun SIP-Trunks. Wo wir auch schon beim Begriff SIP wären. In frühen Zeiten der Fernmeldetechnik war es noch das "Fräulein vom Amt", dann das Impulswahverfahren über das Impulskennzeichen (IKZ) gefolgt von 1TR6 und schließlich DSS1 (Euro-ISDN), heute ist SIP (Session Intiation Protocol) das Signaliserungsprotokoll um Telefongespräche zwischen verschiedenen Teilnehmern herzustellen. Ein SIP-Trunk ist also ein Nachfolger eines ISDN-Anlagenanschlusses, der Amts-Anschluss einer TK-Anlage in Zeiten von VOIP bzw. ALL-IP.

Was unterscheidet nun aber ein SIP-Trunk von einem ISDN-Anschluss, was sollte man noch darüber wissen, wenn man ein VOIP-TK-System mit dem AMT verbinden will.

Nun, zum einen gibt es unterschiedliche SIP-Anschlüsse am Markt, nennen wir Sie der Einfachheit halber mal Einzel- und Mehrfachaccounts. Beim Einzelaccount oder auch Standard SIP-Account erhält man neben einer Einzelrufnummer, einen Login-Namen und ein Login-Password für die Registrierung beim Provider. Diese Standardaccounts sind natürlich nichts für TK-Anlagen, die häufig 100 oder meht Rufnummern verwalten müssen.

Hier kommen Mehrfachaccounts, so genannte SIP-Trunks, zum Einsatz. Diese Mehrfachaccounts lassen mit einer einzigen Registrierung die Verwaltung von ganzen Rufnummernblöcken zu. Es ist also nicht für jede einzelne Rufnummer eine Registrierung notwendig. Ein SIP-Trunk macht also einen SIP-Anschluss durchwahlfähig und ermöglicht die direkte Durchwahl auf viele Endgeräte mit jeweils eigenen Durchwahlnummern, auchh DDI = DIRECT DIALING IN genannt.

Die Abrechnung für solch einen Mehrfachaccount (neben den anfallenden Verbindungsgebühren) erfolgt in der Regel nach den gleichzeitig, also parallel, nutzbaren Sprachkanälen.

Zu ISDN-Zeiten wurde bei ISDN-Basisanschlüssen 2 gleichzeitige Sprachkanäle zur Verfügung gestellt, bei ISDN-PRI-Anschlüssen waren 30 gleichzeitige Sprachkanäle üblich. Die Skalierung, wenn man mehr Kanäle benötigte, erfolgte über die Bereistellung weiterer ISDN-Anschlüsse. Mit einem SIP-Trunk muss kein weiterer SIP-Trunk zur Skalierung bereitgestellt werden, sondern die Provider erhöhen die Kapazität der gleichzeitig aufbaubaren Sprachkanäle für den Kunden. Die Schritte in denen mehr Sprachkanäle bereitgestellt werden können, variiert von Provider zu Provider.

Weiterhin ist beim SIP-Trunk die Trennung vom physikalischen Übertragungsmedium zu beachten. Wurden zu Zeiten von Analog und ISDN noch Leitungen (Kupfer-Doppeladern) bis zur TK-Anlage gelegt, liefern VOIP-Provider mit einem SIP-Trunk nur noch einen "virtuellen" Telefonanschluss. Der Transportweg für die Telefongespräche ist der Internetanschluss des Kunden. Daran muss also bei der Umstellung von ISDN auf SIP-Trunk gedacht werden, ohne Internetanschluss kein SIP.

Weiterhin gibt es die jeweiligen Anforderungen der verschiedenen TK-Systeme an einen SIP-Trunk bezüglich der Registrierung zu beachten. Für kleine und mittlere TK-Systeme hat sich hier der Registrierungsmodus mit Login-Name und Login-Password durchgesetzt, größere Systeme, vor allem aus dem amerikanischen Raum, bevorzugen die FIX-IP-Authentifizierung. Hier muss das TK-System über eine feste IP-Adresse verfügen.

Ein weiteres Augenmerk sollte auf die Kompatibilität gelegt werden. Leider, wie bei den meisten Neuentwicklungen im Technologiebereich, dauert es ein wenig bis sich ein sogenannter Standard durchsetzt. So ist es auch bei SIP gewesen, aus der Anfangszeit bestehen noch zahlreiche verschiedene Implementierungen des SIP-Protokolls bei TK-Anlagen und Providern, die nicht vollumfänglich zu einander passen.

Aber es hat sich bei SIP-Trunks in den letzten Jahren international ein Standard etabliert, der sich an dem von SIP-Forum entwickelten Protokoll "SIP-CONNECT" orientiert. Das SIP Forum ist ein internationaler Zusammenschluss von Unternehmen der IP-Industrie für die Förderung und Fortentwicklung SIP-basierter Techniken. Der derzeitige Protokollstand aus dem Jahre 2011 ist "SIP-CONNECT 1.1", eine Weiterentwicklung zum Protokollstand 2.0 ist in Arbeit. Bei der Weiterentwicklung geht es unter anderem um die einheitliche Implementierung von Verschlüsselung (SRTP), um die Unterstützung von Video-Endgeräten und die Vereinheitlichung bei der Übertragung von Notrufen und Lokalisierungs-Informationen.

So ist also zum einen zu prüfen, welchen "SIP-Standard" das eingesetzte TK-System unterstützt und zum anderen ein dazu passender SIP-Provider zu wählen, idealerweise unterstützen beide den Standard "SIP-CONNECT", dann ist nicht mit Inkompatibilitäten zu rechnen.

Eine Ausnahme bildet die Firma Microsoft mit Ihrem Produkt Lync, mittlerweile in Skype for Business umbenannt. Microsoft orientiert sich an eigenen Standards (DIRECT-SIP) und erfordert damit einen speziell daran angepassten SIP-Trunk. Aber auch dieser ist mittlerweile von mehreren Providern verfügbar.

Bleibt noch zu erwähnen, was ein SIP-Trunk nicht ist.

Ein Sip-Trunk ist kein universeller Datendienst, der zur Übertragung zahlreicher Sonderdienste genutzt werden kann. Mit einem SIP-Trunk können die Telefoniefunktionen eines ISDN-Anschlusses komplett abgebildet werden, aber mit ISDN-Anschlüssen wurde bzw. wird mehr als telefoniert. Der Begriff ISDN steht nicht umsonst für "Integrated Services Digital Network", so wurden über ISDN-Anschlüsse auch zahlreiche andere Dienste genutzt, die nur bedingt etwas mit Telefonieren zu tun haben. Dazu zählen unter anderem Sonderdienste wie Gefahren- und Einbruchmeldeanlagen (Brandmelde- und Alarmanlagen), Aufzugsnotrufsysteme, EC-Cash-Systeme, Frankiermaschinen, Fernwartungssysteme z.B. für TK-Anlagen, Zählerauslesesysteme, die komplette X.25/X.31-Kommunikation, aber auch zahlreiche branchenspezifische Datendienste, so z.B. der Labordatenabruf oder eArztbrief im Gesundheitswesen.

All diese Datendienste werden über einen SIP-Trunk nicht, oder nur eingeschränkt, funktionieren. Das sollte aber kein Grund sein, den Einsatz eines SIP-Trunks zu verwerfen. Vielmehr sind die vorgenannten Dienste auf einem modernen IP-Datennetz, wie es heute flächendeckend zur Verfügung steht, viel besser aufgehoben und die meisten Dienste sind auch längst per IP verfügbar. Vor der Umstellung auf einen SIP-Trunk sollte also die bisher genutzten Datendienste von ISDN auf IP umgestellt werden.

Was noch wichtig ist.

Fax

Die Übertragung von Faxen gehört sicher neben dem Telefonieren zu den wichtigsten Anwendungen eines Telefonanschlusses und sollte damit auch zum Leistungsumfang eines SIP-Trunks gehören. Die gute Nachricht: Es gibt ein Protokoll, das die Übertragung von Faxdokumenten über einen SIP-Trunk sicherstellt. Die schlechte Nachricht: Nicht jeder Anbieter von SIP-Trunks bietet dieses Protokoll auch an, nicht jedes TK-System hat dieses Protokoll implementiert. Das Protokoll heißt T.38 (sprich: achtunddreißig) und gehört zur Pflicht eines SIP-Trunks, nicht zur Kür.

FRAUD-Management

IP-Netzwerke werden von Hackern ununterbrochen attackiert. Mit der Anbindung eines TK-Systems an einen SIP-Trunk wird die TK-Anlage zum Bestandteil eines IP-Netzwerkes und damit auch zum Hackerziel. FRAUD-Management (Betrugsmanagement), typischerweise beim Provider angesiedelt, setzt hier an um solche Angriffe zu entdecken und bestenfalls zu verhindern zumindest jedoch den entstehenden Schaden gering zu halten. Diese Bedrohung ist nicht fiktiv und die Schäden können in sehr kurzer Zeit beträchtliche Größen erreichen. Ein FRAUD-Management beim Provider gehört zur Pflicht eines SIP-Trunks, nicht zur Kür.

Uwe Rösner / telefonanlage-shop.de / Mai 2016